Gedanken über Virenschreiber

Irgendwann vor langer Zeit, als alle wussten, warum eine Diskette (floppy disk) flexibel (floppy) ist, kamen die Computer ohne Windows aus. Der Arbeitsplatz war standardgemäß ein schwarzer DOS-Bildschirm. Virenschreiber waren einfach Kinder, die Viren schrieben. Sie beschäftigten sich damit aus reinem Interesse, um sich selbst zu bestätigen, oder um die Computer von Freunden und Nachbarn zu infizieren, oder um sich an der ganzen Welt zu rächen. Sie schrieben sowohl völlig unsinnige als auch sehr komplizierte Viren. Sie nutzten vielzählige Infektions-Methoden und verschiedene stealth-Technologien. Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo wir in unsere Update-Datenbanken pro Woche 100 Signaturen derartiger Viren ergänzten.

Die meisten Schadcodes heutzutage sind „kommerziellen“ Hintergrunds. Sie werden erstellt, um die Kontrolle über infizierte Netze zu erhalten und um Profit zu machen (lesen Sie mehr darüber in meinem vor einigen Tagen veröffentlichten Artikel). Unter diesen Programmen finden wir nach wie vor „echte“ Viren und Trojaner, aber, überraschenderweise, viel weniger als früher. Betrachte ich unsere Statistik, so ergänzen wir derzeit pro Woche weniger als 10 dieser „echten“ Viren und Trojaner in die Datenbanken, also 10 mal weniger als vor 10 Jahren. Bedeutet das, es werden keine „echten“ Viren mehr geschrieben? Ja. Aber warum? Die Situation müsste doch eigentlich direkt entgegengesetzt sein: immer mehr Teenager erhalten Zugang zu Computern, also warum werden es dann immer weniger – und vor allem immer weniger „gewöhnliche“ – Viren?

Ich denke, dass die Ursache gerade in dem immer größeren Zugang zu Computern besteht: die Teenager haben keine Zeit mehr, um Viren zu schreiben, sie spielen ständig online-Spiele.

Dabei können sie sich selbst bestätigen, sie können sich eigene Welten erschaffen und existierende vernichten. Dort können sie echte Freunde finden und die „virtuellen“ Feinde vernichten. Sie attackieren und verteidigen sich. Sie brauchen keine anderen Methoden mehr für ihre Selbstbestätigung.

Also, die Kinder erstellen keine „echten“ Viren mehr. Diese Viren hatten oftmals schlimme oder sehr schlimme Folgen, aber dennoch, sie waren die Verkörperung außerordentlich interessanter und technisch komplizierter Ideen. Indem die Teenager aufhörten, Viren zu schreiben, hörten sie auf, den eigenen Verstand zu entwickeln. Sie verlieren sich in virtuellen underground online Computerspielen.

Ist das gut oder schlecht – für uns und für sie? Ich weiß es nicht. Folgendes denkt diesbezüglich mein Kollege unserer rumänischen Niederlassung, Teodor Cimpoesu:

„Viele denken, dass die Antivirus-Unternehmen am Erscheinen neuer Schadprogramme interessiert sind – und je mehr es gibt und je komplizierter sie sind, umso besser. Das ist eine der Ansichten dazu.

Aber seitens der IT-Sicherheit kann man die weniger komplizierten Viren leichter abfangen und unschädlich machen. Jedoch in dem Maße, wie geschickte Virenschreiber sich kommerziellen Bereichen widmen, wächst auch die Anzahl der technisch komplizierten kommerziellen Schadprogramme – und im Ergebnis wächst die Rolle der Antivirus-Industrie gegenüber dem Cyberverbrechen“.

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