Spam als Spiegel der Wirtschaft

In den letzten Jahren ist Spam zwar nicht der angenehmste, aber ein fester Bestandteil unseres Alltags geworden, der wie vieles andere auch von den Veränderungen der weltweiten Wirtschaftslage beeinflusst wird. Selbstverständlich ist es unmöglich, direkte oder indirekte Anzeichen dafür zu erkennen, wenn man in seinem Posteingang viele unterschiedliche und zugleich völlig unnötige Mitteilungen vorfindet. Wenn man den Spam-Strom jedoch „von oben“ betrachtet, sich mit den Schlüsselthemen vertraut macht und die wichtigsten Trends verfolgt, sieht man ganz klar einen Zusammenhang zwischen der Spam-Situation und der Gesamtwirtschaftslage.

Um diesen Zusammenhang zu verstehen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, muss man zunächst einmal die Frage klären: Was ist Spam? Die am häufigsten genutzte Definition von Spam lautet: Spam ist eine massenhafte, anonyme und nicht angeforderte Versendung von Mitteilungen. Aus Sicht des Empfängers also Müll im elektronischen Briefkasten. Aus Sicht der Spammer ist diese massenhafte, anonyme und unaufgeforderte Versendung in erster Linie ihr Geschäft. Und wie jedes andere Geschäft funktioniert auch das Spammen nach einem bestimmten Business-Schema. Diese Business-Schemata bestimmen den Stil der Wechselbeziehungen zwischen dem Spammer und dessen Auftraggeber. Im Spam-Geschäft existieren im Wesentlichen zwei Business-Schemata: die Partnerprogramme und die klassische Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer.

Spam-Geschäftsmodelle

Bei den Partnerprogrammen handelt es sich um einen Marketingansatz, bei dem der Anbieter der Ware den Spammer nicht für die Werbung bezahlt, sondern für jeden potentiellen Neukunden. In einigen Fällen wird das Partnerprogramm auch direkt von dem Anbieter der Ware organisiert. Meist wird es allerdings von Dritten organisiert, und zwar als „Treffpunkt“ für Firmen, die Waren anbieten und für Spammer, die diese Ware bewerben wollen. Im zweiten Fall wird Geld für jeden gewonnenen Kunden oder ein prozentualer Anteil am Verkauf gezahlt – und zwar nicht nur dem Spammer, sondern auch dem Betreiber der Partnerplattform.

Diese Struktur nutzen auch die Verkäufer der in Spam am häufigsten vertretenen Waren: Viagra, Imitate von Schweizer Uhren und billige Software. Zudem werden mit Hilfe von Partnerprogrammen auch pornographische Inhalte sowie Werbung für viele Online-Kasinos in Umlauf gebracht. Der prozentuale Anteil von „Partner-Spam“ im russischsprachigen Internet (Runet) schwankt ständig, bleibt dabei aber immer auf hohem Niveau und beträgt zwischen 30 und 60 Prozent des gesamten Spam-Aufkommens.

Das zweite Schema funktioniert nach dem einfachen und verständlichen Prinzip „Auftraggeber – Auftragnehmer“. Der Auftragnehmer ist in diesem Fall der Spammer, der seine Dienste anbietet. Der Auftraggeber ist eine Einzelperson oder eine Firma, die diese Dienste in Anspruch nimmt, um so die Werbung für seine Ware zu organisieren. Dieses Schema ist im Runet nicht seltener anzutreffen als „Partnerspam“.

Eingangs wurde behauptet, dass die wirtschaftliche Situation eines Landes Auswirkungen auf die Quantität und Qualität der Spam-Versendungen hat. Gehen wir nun einen Schritt weiter und behaupten, dass es möglich ist, aus der Spam-Analyse Rückschlüsse auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Situation zu ziehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle nur erdenklichen Szenarien vorhergesehen werden könnten oder eine tiefgehende ökonomische Analyse möglich wäre. Allgemeine Rezessions- oder Aufschwungs-Tendenzen lassen sich aber recht klar ablesen. Man muss lediglich wissen, worauf man achten sollte.

Wechselbeziehung zwischen Spam-Business und Wirtschaftslage

Die deutlichsten Symptome der Wirtschaftskrise zeigten sich in Spam, der nach dem Schema „Auftraggeber – Auftragnehmer“ verbreitet wird. Die Auftraggeber sind hier meist kleine oder mittelständische Betriebe, die von einer Krise normalerweise am härtesten getroffen werden. Die untenstehende Grafik zeigt sehr deutlich die mengenmäßigen Veränderungen bei den bestellten Spam-Versendungen.


Menge von bestelltem Spam

Der erste Einbruch in der Verlaufskurve fällt auf den August 2008, den Monat also, der als Beginn der „russischen“ Wirtschaftkrise gilt. In der schwierigen Phase von August bis Oktober 2008 erholte sich der Anteil an bestelltem Spam leicht, fiel dann aber wieder ab, ohne das Vorkrisenniveau zu erreichen. Der zweite bedeutende Rückgang der Spam-Menge fällt auf den „Höhepunkt der Krise“ im Frühjahr 2009. Solche deutlichen Abschwünge beruhen darauf, dass es den Kunden der Spammer an Geld für Werbung fehlt und dass ein Großteil der kleinen und mittelständischen Betriebe, die Spam als Werbeinstrument nutzen, die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen nicht überstehen.

Von den beworbenen Waren und Dienstleistungen konnten sich in der Krise – ihren eigenen Gesetzen folgend – nur Angebote zum Verkauf und zur Vermietung von Immobilien halten.


Anteil von Spam mit verschiedenen Immobilien-Angeboten

Der Anteil dieser Art von Spam ist im Runet normalerweise unbedeutend, da es sich bei den meisten Immobilien-Agenturen um große Firmen handelt, die die Dienste der Spammer nicht nutzen. Mit der Vermietung von Büroflächen beschäftigen sich üblicherweise kleine Firmen, die ihre Werbeaktivität während der Krise noch steigerten. Das ist auch durchaus nachvollziehbar, denn die meisten von der Krise in den Bankrott getriebenen Firmen hinterließen leere Büroräume und unbezahlte Rechnungen. Außerdem versuchten viele Unternehmen, die sich trotz der Krise noch halten konnten, ihre Mietausgaben zu reduzieren und in billigere Räumlichkeiten umzuziehen. Ein so dramatischer Wegbruch von Kunden in diesem Sektor führte dazu, dass die Vermieter sich selbst in einer äußerst schlechten Lage wiederfanden und gezwungen waren, die Preise für ihre Dienste zu senken und auf großangelegte Werbekampagnen zurückzugreifen, unter anderem auch auf Spam. Der erste starke Anstieg von Spam dieser Art fällt in den Oktober 2008. Ihren absoluten Höhepunkt erreichte die Aktivität von Immobilien-Spam im Frühjahr 2009.

Wie schon mehrfach betont ist Spam ein großes Geschäft, bei dem es nicht nur einen Auftraggeber gibt, der unter der Krise leidet, sondern auch einen Auftragnehmer. Auch wenn die Spammer Vertreter der Schattenwirtschaft sind, so sind ihre „Betriebe“ doch dem Klein- oder Mittelstand zuzuordnen und dementsprechend ebenfalls von der Krise betroffen. Die Abwanderung der Kunden zwang die Spammer dazu, einen Großteil ihrer Kapazitäten für Eigenwerbung aufzuwenden. Spam dieser Art wurde natürlich auch schon vorher verbreitet, allerdings nicht annähernd so aggressiv wie während der Krise. Hinzu kommt, dass die Spammer in ihrem Bemühen, als Ersatz für die im Strudel der Wirtschaftskrise untergegangenen Auftraggeber neue Kunden zu akquirieren, erklärten, diese Art der Werbung sei ideal für kleinere Unternehmen. Daher versuchten sie sich reinzuwaschen, indem sie erklärten, ihre Tätigkeit sei keineswegs gesetzeswidrig.


Anteil von Spam mit Spammer-Eigenwerbung

Die Grafik zeigt ganz klar, dass die Spammer den Kundenschwund erstmals im Oktober 2008 zu spüren bekamen. Der eigentliche Anstieg dieser Spam-Art begann allerdings im Januar 2009 und erreichte seinen Höhepunkt im März 2009.

Eine parallele Entwicklung durchliefen die zum Partner-Spam zählenden Versendungen. Ob die Spammer nun reale Kunden hatten oder nicht, die Partnerprogramme liefen weiter und die Spammer machten mit ihrer Teilnahme daran reale Gewinne. Der Sinn eines Partnerprogramms besteht gerade darin, dass der Spammer als Partner der einen oder anderen Organisation in jedem Fall eine Provision erhält, wenn dank seiner Tätigkeit ein Kunde gewonnen wird. Daher wandten sich die Spammer gerade in den Momenten, in denen der Wegfall von Spam-Auftraggebern besonders dramatisch war, verstärkt den Partnerprogrammen zu und hofften, so weiterhin ihr bisheriges Monatseinkommen zu erzielen. Die folgende Grafik zeigt sehr anschaulich den Zusammenhang zwischen der Menge von Bestellspam und dem Anteil von Spam, der verbreitet wird, um Gewinne über die Teilnahme an Partnerprogrammen zu erzielen.


Wechselbeziehung zwischen dem Anteil von bestelltem Spam und dem Anteil von Spam,
der über Partnerprogramme verbreitet wird

Hier stellt sich nun die berechtigte Frage, warum Spammer dann überhaupt noch mit Auftraggebern zusammenarbeiten und sich nicht ausschließlich auf Versendungen im Rahmen von Partnerprogrammen konzentrieren. Die Antwort ist einfach: Es geht in diesem Artikel um Spam im russischen Internetsegment, dem Runet. Und die überwältigende Mehrheit der russischen Anwender kauft keine Waren, die mit Hilfe von Partnerspam beworben wird. Daher ist es für die russischen Spammer auch weitaus ertragreicher, mit realen Auftraggebern zusammenzuarbeiten, die reales Geld bezahlen, als darauf zu warten, dass vielleicht mal einer von mehreren Millionen Usern ein paar Viagra-Tabletten kauft.

Im Juli 2009 gab es die ersten Anzeichen für eine Erholung des Spam-Business, obwohl es noch zu früh war, von ernsthaften Tendenzen zu sprechen. Im August waren die Tendenzen dann aber bereits sehr deutlich zu erkennen. Die Kunden kehrten zu den Spammern zurück und der Spam-Anteil von realen Auftraggebern begann wieder stark zu steigen. Im September überstieg er sein übliches Niveau um 50 Prozent. Der Anteil von Spam-Versendungen im Rahmen von Partnerprogrammen begann dagegen zu schrumpfen.

Auch der Anteil von Spammer-Eigenwerbung nahm spürbar ab, da mit der Rückkehr der Kundschaft die Notwendigkeit wegfiel, aktiv für die eigenen Dienstleistungen zu werben.

Auch Spam-Versendungen mit dem Thema Immobilien fielen auf ihr Vorkrisenniveau zurück. Das wiederum ist als positives Zeichen für die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt zu werten: Die Vermieter von Büroräumen haben es nicht länger nötig, Spammer-Dienste in Anspruch zu nehmen, um den Leerstand ihrer Büros zu verhindern.


Anteile von Spam-Versendungen mit verschiedenen Themen im zweiten Halbjahr 2009

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Spammer-Geschäft während der Krise nicht weniger gelitten hat als andere und sich nun wieder stabilisiert. Das lässt sich als Ausdruck einer gewissen Stabilisierung kleiner und mittelständischer russischer Unternehmen insgesamt werten. Denn die Stabilisierung im Spammer-Business ist ein Indiz dafür, dass Kunden zurückkehren und nun wieder in der Lage sind, für die Dienstleistungen der Spammer zu bezahlen. Und der Rückgang der Spam-Versendungen, die die Vermietung von Büro-Räumen anbieten, lässt den optimistischen Schluss zu, dass kleine und mittelständische Unternehmen, die in wirtschaftlich schweren Zeiten immer am stärksten leiden, wieder Boden unter den Füßen gewinnen.

Der Artikel und Zitate daraus dürfen unter Nennung des Unternehmens Kaspersky Lab sowie des Autors frei veröffentlicht werden.

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