Ortung eines eingeschalteten Mobiltelefons – ein kommerzieller Service

Mit jedem neuen Vorwurf klingt die Bespitzelungs-Affäre bei der Telekom mehr wie ein Agenten-Thriller aus Hollywood: Die Schnüffler sollen mit Hilfe von Handy-Daten auch Bewegungsprofile von Aufsichtsräten und Journalisten angefertigt haben. Es gibt jedoch längst Dienstleister, die die Ortung eines eingeschalteten Mobiltelefons als kommerziellen Service anbieten.

Wer auch immer bei der Telekom die Überwachung in Auftrag gegeben hat – er hat nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ auch Bewegungsprofile erstellen und dafür Mobilfunkdaten von T-Mobile auswerten lassen. Denn diese Informationen geben relativ genau darüber Aufschluss, wo sich ein Handynutzer aufhält.

Sobald ein Kunde sein Mobiltelefon einschaltet, sucht dieses die nächstgelegenen Sendemasten. Der Nutzer will schließlich erreichbar sein. Der Bereich, den eine Station abdeckt, wird Funkzelle genannt. Im Rahmen der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung sind die Mobilfunk-Provider verpflichtet, bei jedem Telefonat eines Kunden die gewählte Nummer, Gesprächszeit und auch die Funkzelle zu protokollieren, berichtet Thilo Weichert vom Datenschutzzentrum Schleswig-Holstein in Kiel. Technisch wäre auch eine Überwachung in Echtzeit möglich.

Eine metergenaue Überwachung erlaubt die Technik nicht – dafür sind die Funkzellen zu groß. In dünn besiedelten Gebieten, wo nur wenige Handys im Einsatz sind, deckt ein Funkmast einen Umkreis von mehreren Kilometern ab. Selbst in Städten ist die Lokalisierung relativ ungenau, sagt Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur des Computermagazins c’t aus Hannover – eine Funkzelle deckt hier einen Umkreis von 50 bis 100 Metern ab. „Bei dichter Bebauung ist es schwierig zu sagen, in welchem Gebäude sich ein Nutzer befindet.“

Doch selbst das könnte für die Überwacher sehr aufschlussreich gewesen sein – dank ausgefuchster Software, die alle Bewegungen auf einer Karte darstellt. So lässt sich feststellen, ob zwei Personen in der gleichen Gegend – sprich Funkzelle – sind. Zudem sind gleiche Bewegungsabläufe feststellbar. „Das kann ein gemeinsamer Spaziergang oder eine Autofahrt sein“, sagt Andy Müller-Maguhn, Sprecher des Chaos-Computer-Clubs (CCC) in Berlin.

Wie weit die Möglichkeiten der Handy-Ortung reichen, zeigt die neueste Geräte-Generation: Das iPhone von Apple oder die neuen Modelle von Nokia können ihrem Besitzer selbst sagen, wo er sich gerade aufhält. Die neue Handy-Generation berechnt anhand der Mobilfunk-Signale aus der Umgebung den Standort. Auf einer Online- Karte wie Google Maps kann sich der Nutzer dann seinen Standort anzeigen lassen, auch ohne GPS.

Angesichts dieser Möglichkeiten verwundert es nicht, dass immer mehr Unternehmen ortsbezogene Dienste (location based services) fürs Handy anbieten. Nutzer können etwa auf Tastendruck die nächstgelegene Apotheke oder Pizzeria suchen. Eltern haben die Möglichkeit, die Bewegungen ihrer Kinder zu verfolgen und sich bei Verlassen einer bestimmten Sicherheitszone alarmieren zu lassen. Aber die Technik ermöglicht auch Missbrauch: Wer seinem Ehegatten nicht vertraut, kann prüfen, ob er tatsächlich so lange im Büro ist.

In allen Fällen müsste der Handy-Nutzer zwar zustimmen, berichtet Datenschützer Weichert. Doch in der Regel genügt eine SMS für die Aktivierung der Dienste. Es reicht also aus, wenn das Handy einen Moment lang unbeobachtet auf dem Tisch liegt. Dann lassen sich die Bewegungen genauso heimlich wie im Fall Telekom verfolgen. Technisch besteht kein Unterschied zwischen Aufsichtsrat und Ehemann.

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